Wie
man die Menschen beurteilen solle.
Beurteile
die Menschen nicht nach dem, was sie reden,
sondern nach dem, was sie
tun.
Aber
wähle zu Deinen Beobachtungen solche Augenblicke,
in
welchen sie von Dir unbemerkt zu sein glauben.
Richte
Deine Achtsamkeit auf die kleinen Züge, nicht auf die
Haupthandlungen,
zu
denen jeder sich in seinen Staatsrock steckt.
Gib
acht auf die Laune, die ein gesunder Mann beim Erwachen vom
Schlafe,
auf
die Stimmung, die er hat, wenn er des Morgens,
wo
Leib und Seele im Nachtkleide erscheinen, aus dem Schlafe geweckt
wird,
auf
das, was er vorzüglich gern isst und trinkt: ob sehr
materielle,
einfache
oder sehr feine, gewürzte, zusammengesetzte Speisen;
auf
seinen Gang und Anstand;
ob
er lieber allein seinen Weg geht oder sich immer an
eines andern Arm hängt;
ob
er in einer graden Linie fortschreiten kann oder
seines Nebengängers
Weg durchkreuzt,
oft
an andre stößt und
ihnen auf die Füße tritt; ob er durchaus keinen
Schritt allein tun,
sondern
stets Gesellschaft haben, immer sich an andre anschließen,
auch
um die geringsten Kleinigkeiten erst Rat fragen, sich erkundigen
will,
wie
es sein Nachbar, sein Kollege macht; ob, wenn er etwas fallen lässt,
er
es sogleich wieder aufnimmt, oder es da liegen lässt, bis er
gelegentlich,
nach
seiner Gemächlichkeit, einmal hinreicht, um es aufzuheben;
ob
er gern andern in die Rede fällt, niemand zu Worte kommen lässt;
ob
er gern geheimnisvoll tut, die Leute auf die Seite ruft,
um
ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen;
ob
er gern in allem entscheidet und so ferner. -
Fasse
alle diese Wahrnehmungen zusammen, nur sei nicht so unbillig,
nach
einzelnen solchen Zügen den ganzen Charakter zu richten.
Sei
nicht zu parteiisch für Menschen,
die Dir freundlicher begegnen als
andre.
Baue
nicht eher fest auf Treue,
immer Stich haltende Liebe und
Freundschaft,
als
bis Du erst solche Proben gesehen hast,
die
Aufopferung
kosten.
Die
meisten Menschen, die uns so herzlich ergeben scheinen,
treten zurück,sobald
es darauf ankommt,
ihren Lieblingsneigungen zu unserm Vorteile zu
entsagen.
Darauf
ist also Rücksicht zu nehmen, wenn man wissen will,
was ein Mensch
uns wert ist.
Es
ist keine Kunst, alles zu leisten,
was man nur wünschen mag,
das
einzige ausgenommen, was Überwindung kostet.
(A.
Freiherr von Knigge)
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